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Klimafreundliches Heizen durch Wärme aus Grubenwasser im Nachbergbau

Mit 5,5 Millionen Bewohnern ist das Ruhrgebiet eines der größten urbanen Zentren Europas. In der Industrialisierung wurde das Ruhrgebiet zu dem, was es heute ist: ein industrieller Ballungsraum. Arbeit boten die Steinkohlengruben, die sich heute unter dem Schirm der RAG Aktiengesellschaft, Essen, befinden.

Durch den untertägigen Steinkohlenabbau in Teufen von mehr als 1.000 m entstand ein Gebiet mit Hohlräumen und Kammern im Untergrund des Ruhrgebiets. Regenwasser sickert in die entstehenden Hohlräume. Auf dem Weg des Wassers durch das Gestein lösen sich Mineralien im Wasser. Das Regenwasser wird zu Grubenwasser. In der Vergangenheit war das Pumpen des angesammelten Grubenwassers notwendig, um die aktiven unterirdischen Strecken und Schächte zu schützen. Im Jahr 2018 werden alle Steinkohlenbergwerke im und um das Ruhrgebiet geschlossen. Heutzutage ist es das wichtigste Ziel sicherzustellen, dass kein aufsteigendes Grubenwasser das Niveau des Grundwassers erreicht. Daher ist eine kontinuierliche Förderung des Grubenwassers auch nach dem aktiven Steinkohlenbergbau erforderlich.

Das Ziel des Projekts Grubenwasser-Ruhr (GW-Ruhr) ist die geothermische Heizenergieversorgung durch die Nutzung der Wärmeenergie im Grubenwasser. Das Grubenwasser hat je nach Pumpstandort und Hebetiefe eine Temperatur zwischen 15 und 30 °C. Forschungsziel ist die Nutzung der geothermischen Energie. Unterstützende Technologien wie Wärmepumpen können genutzt werden, um das Temperaturniveau des Grubenwassers zu erhöhen und so optimal einzusetzen. Die Nutzung von Wärme aus Grubenwasser stellt eine Alternative zu fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas dar.

Die Auswahl des geeigneten Systems zur Nutzung der Wärme aus Grubenwasser erfolgt mithilfe von ökonomischen und ökologischen Aspekten. Sie bilden die Grundlage für die Investitionen und die Umsetzung einer Beheizung durch Grubenwasserwärme an mehreren Standorten. Neben den technischen Aspekten werden der Austausch und die Zusammenarbeit mit potentiellen Wärmeabnehmern in dem relevanten Bereich für den späteren Erfolg entscheidend sein. Das technische Ziel besteht darin, alle Wärmeabnehmer an ein Niedrig-Exergie-Netzwerk (LowEx-Netz) anzuschließen. Auf diese Weise wird die Grubenwassertemperatur verlustarm zum Kunden transportiert und eine Wärmepumpe beim Kunden ändert die Temperatur für die individuellen Anforderungen.

Am Ende der ersten Phase des Projekts Grubenwasser-Ruhr, die im Jahr 2016 begann und im Jahr 2019 enden wird, werden tragfähige Konzepte und Standorte vorgestellt. Inzwischen sind drei verschiedene Standorte in der Entwicklung. Im Anschluss an die erste Projektphase ist die Implementierung und Betriebsüberwachung geplant.

Die Leitung und Koordination des Projekts erfolgt durch den Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiewirtschaft (LEE) der Ruhr-Universität Bochum(RUB). Die Firma Eimer Projekt Consulting (EPC), Berlin, ist zuständig für die strategische Kontaktaufnahme potentieller Wärmeabnehmer. Die RAG als Standorteigentümer und die DMT GmbH & Co. KG, Essen, werden vor allem die Realisierungs- und Investitionsplanung unterstützen.

Autoren: Tobias Reiners M. Sc., Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner, Dr.-Ing. Nils Penczek, Lisa Altieri M. Sc., Michael Gross M. Sc., Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft (LEE), Ruhr-Universität Bochum (RUB), Bochum 

1  Ausgangssituation

Mit Beendigung der Steinkohlenförderung Ende 2018 endet im Ruhrgebiet eine Ära. Die Aufgaben der RAG Aktiengesellschaft, Essen, sind damit allerdings noch nicht abgeschlossen. An zukünftig sechs Standorten wird die RAG ihrer sogenannten Ewigkeitsaufgabe nachkommen und aus den alten Schächten Millionen Kubikmeter warmes Grubenwasser abpumpen.

Fig. 1. Origin of mine water. // Bild 1. Entstehung des Grubenwassers. Source/Quelle: RAG

Der Norden des Ruhrgebiets ist mit Streben, Strecken und Schächten in Teufen von bis zu 1.400 m durchzogen. Bis zu diesen Teufen wurde die Steinkohle abgebaut. Das durch die Gesteinsschichten nach unten sickernde Regenwasser nimmt auf dem Weg in die Tiefe Wärmeenergie auf und sammelt sich in den unterirdischen Hohlräumen, welche miteinander verbunden sind (Bild 1). Im aktiven Betrieb des Steinkohlenabbaus musste das Grubenwasser abgepumpt werden, damit die untertägigen Arbeiten nicht gefährdet wurden. Für die Zukunft muss das Grubenwasser weiterhin abgepumpt werden, damit sich dieses nicht mit dem darüber liegenden Grundwasser vermischt.

Bis jetzt leitet die RAG das Grubenwasser weitgehend ungenutzt in die Flüsse ab. Da es zwischen 15 und 30 °C warm ist, je nachdem aus welcher Tiefe es stammt, könnte mit seiner Hilfe geheizt werden. Warmes Grubenwasser bietet ein enormes Wärmepotential, das zu 99,9 % unerschlossen ist. Durch den hohen Anteil an Ballungsräumen im Ruhrgebiet und der wachsenden Nachfrage an regenerativer Wärmeversorgung können Wärmequelle und -senke hier in einzigartiger Weise zusammenkommen. Mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus im Ruhrgebiet Ende 2018 rückt mit den sogenannten Ewigkeitsaufgaben die Grubenwassernutzung zusätzlich in den medialen Fokus.

2  Ziele des Vorhabens

Jährlich werden derzeit an zwölf Standorten ca. 61 Mio. m3 Grubenwasser an die Oberfläche gepumpt. Mit diesem energetischen Potential eine umweltfreundliche Energieversorgung zu realisieren, ist das Ziele des Projekts Grubenwasser-Ruhr (GW-Ruhr). Dazu wird die vorhandene Bergbauinfrastruktur nachgenutzt. Entscheidungsreife Umsetzungskonzepte werden für die untersuchten Standorte entwickelt, die in einem Anschlussprojekt umgesetzt werden sollen.

Da der Schutz der Trinkwasserreservoirs essentiell ist und das Grubenwasser auf „ewig“ gehoben werden muss, wäre die Zukunft dieser Wärmeversorgungsart langfristig gesichert. Allein die sechs zukünftig aktiven Grubenwasserhaltungen im Ruhrgebiet bieten ein technisch erschließbares Potential von über 800 GWh/a Wärmeenergie. Dies entspricht mindestens dem Wärmebedarf von 125.000 Wohneinheiten. Die großen Mengen Grubenwassers mit einem Temperaturniveau von 15 bis 30 °C eignen sich optimal für „kalte“ Wärmenetze (LowEx-Netze). Untersuchungen im Projekt haben gezeigt, dass Grubenwasser an geeigneten Standorten ganze Stadtquartiere versorgen kann.

Statt mit fossilen Energieträgern, wie Öl oder Gas, lassen sich Wohngebäude oder andere umliegende Abnehmer alternativ mit der Wärme des Grubenwassers beheizen. Hilfstechniken, wie z. B. Wärmepumpen, erhöhen das Temperaturniveau des Grubenwassers, wodurch die Endverbraucher die Grubenwärme für Heizzwecke nutzen können. Neben dem Einsatz des Grubenwassers zum Heizen wird ebenfalls die Möglichkeit untersucht, die Energiequelle zum Kühlen einzusetzen. Gerade das optimierte Zusammenspiel der Einzelkomponenten in LowEx-Nahwärmenetzen stellt eine besondere Chance zur nachhaltigen und umweltfreundlichen Energieversorgung dar.

3  Lösungsweg

Im ersten Schritt werden zunächst die lokalen Wärmepotentiale eruiert und nachfolgend an den aussichtsreichen Standorten Kommunen und Energieversorger angesprochen, um anschließend entscheidungsreife Umsetzungskonzepte zu entwickeln. Am Ende der ersten Projektphase, nach drei Jahren Laufzeit, soll dann die bauliche Realisierung der Konzepte erfolgen.

Durch den Verbund von mehreren Akteuren geht das Projekt über rein technische Aspekte hinaus. So rücken auch sozio-ökonomische Fragestellungen in den Fokus. Vor allem für die Endverbraucher sind geringere oder zumindest gleichbleibende Energiepreise von Bedeutung. Rein ökologische Vorteile in Form von geringeren CO2-Emissionen wiegen die ökonomischen Beweggründe nur selten auf. Zusätzlich spielt die Versorgungssicherheit für die möglichen Wärmeabnehmer, welche durch Backup-Systeme realisiert werden muss, eine wichtige Rolle.

Hilfstechniken, wie z. B. Wärmepumpen, sind notwendig, um die benötigten Temperaturen zur Energieversorgung bereitzustellen. Da diese auch wieder Energie verbrauchen, wird untersucht, ob die Wärmenutzung aus Grubenwasser trotzdem wirtschaftlich ist. Ohne Hilfstechniken kann das Temperaturniveau des Grubenwassers zur Kühlung dienen und beispielsweise in Neubausiedlungen mit Passivhäusern eigesetzt werden.

Im Rahmen der energetischen und technischen Analyse auf lokaler Ebene werden unterschiedliche Ansätze zur Nutzung der Grubenwasserwärme definiert. Diese werden mithilfe der Simulationssoftware TOP-Energy aufgebaut. Um die technischen Komponenten innerhalb der Simulationsumgebung abzubilden und mit wirtschaftlichen Daten zu verknüpfen, wird ein Austausch mit Herstellern von technischen Anlagen geführt. Die technischen Möglichkeiten werden kontinuierlich mit den Interessen der Akteure abgestimmt.

4  Technik

Die energetische Grubenwassernutzung beginnt bei der Erschließung der Quelle. Hier ist die thermische Energie dem Grubenwasser zu entziehen. Die Potentiale der Grubenwasserwärme werden an jedem Standort ermittelt. Grundsätzlich sind die Quellen in aktive Grubenwasserhaltungen und Sicherungsstandorte mit Zugang zur Tiefe zu unterteilen. Übertägige Grubenwasserhaltungen bieten dabei einen direkten Zugang zur Wärmequelle. Besteht ein Zugang zur Tiefe an beispielsweise einem Sicherungsstandort, wird mit einem geschlossenen System die Wärme aus der Grube entzogen. Zur technischen Machbarkeit der Wärmeauskopplung ist die Auswahl, Dimensionierung und Materialauswahl der Wärmeübertrager entscheidend.

Fig. 2. LowEx-heating network for using mine water. // Bild 2. LowEx-Nahwärmenetz zur Nutzung von Grubenwasser. Source/Quelle: RUB

Die Grubenwassernutzung ist an Wärmenetze gebunden, um die thermische Energie zu transportieren. Die Wärme wird mit einem Wärmeübertrager auf ein LowEx-System mit Temperaturen unterhalb der Grubenwassertemperatur übertragen (Bild 2). Bei Netztemperaturen von ca. 20 °C wird Wärme auf einem niedrigen Exergieniveau verlustarm zum Verbraucher transportiert. Dort kann sie bedarfsgerecht mit Wärmepumpen auf das benötigte Temperaturniveau gehoben werden. Es besteht die Möglichkeit, Gebäude zu heizen und zu kühlen.

Verbraucher aus den Sektoren „Private Haushalte“ und „Gewerbe, Handel und Dienstleistung“ werden in einem Verbundsystem mit Wärme versorgt. In den Liegenschaften wird das Temperaturniveau des Wärmenetzes entweder direkt genutzt (Fabrikhallen, Lagerhallen) oder dezentral mit Wärmepumpen auf das erforderliche Temperaturniveau gehoben (Büro- und Wohngebäude). Da es sich in Schachtnähe um Konversionsflächen handelt, werden im Neubaubereich hohe Energiestandards und Niedertemperaturheizungen erwartet. Durch die thermische Grubenwassernutzung kann der Baustandard nach KfW40 ohne zusätzliche Maßnahmen erreicht werden. Auch die Nachfrage nach Kühlsystemen, wie sie bei hohen Dämmstandards auftritt, wird berücksichtigt.

Dieser Ansatz verbindet bewährte technische Komponenten zu einem einzigartigen innovativen Konzept. LowEx-Netze mit dem Temperaturniveau zwischen 20 und 30 °C sind derzeit einzigartig. Dieses Temperaturniveau eignet sich auf ideale Weise in Kombination mit konventionellen Wärmepumpen, die eine Niedertemperaturheizung versorgen. Auf fossile Brennstoffe kann im direkten Betrieb verzichtet werden, wodurch eine CO2-arme Wärmeversorgung erreicht wird.

5  Standortauswahl

Auf der Wärmequellenseite werden konkrete Standorte gesucht, die weiter betrachtet werden sollen. Hierfür wird ein Grobscreening der aktiven Wasserhaltungsstandorte im Ruhrgebiet durchgeführt. Ziel ist die Ermittlung des genauen Temperaturniveaus und des Fördervolumenstroms an diesen Standorten.

Table. 1. Location categories. // Tabelle 1. Kategorien der Standorte. Source/Quelle: RUB

Jeder Zugang zur Tiefe wird vier Kategorien zugeordnet (Tabelle 1). Diese Zuordnung ordnet die Erschließbarkeit der Wärmequelle und die Verfügbarkeit von Wärmesenken ein. Die Kategorien beschreiben in absteigender Reihenfolge die Relevanz für das Projekt. Die erste Kategorie definiert die Standorte, an denen langfristig Grubenwasser aktiv abgepumpt wird.

Auf der Wärmesenkenseite wurden zu den Standorten Gewerbesteckbriefe erstellt, in denen allgemeine Informationen zu den einzelnen Akteuren hinterlegt sind und ein Ranking der voraussichtlich größten Wärmesenken wurde vorgenommen, um Schlüsselakteure für die Akteursansprache zu identifizieren. Einzelne Temperaturniveaus, Fördervolumenströme sowie der Grubenwasseranstieg nach dem Jahr 2020 sind simuliert worden.

6  Stand des Projekts

Die umfassende Untersuchung des Ruhrgebiets hat zum jetzigen Zeitpunkt 21 Standorte mit hohem theoretischem Potential identifiziert. Dazu wurden die Schachtstandorte in vier Kategorien eingeteilt. Die größten energetischen Potentiale bieten die Schachtstandorte mit zukünftiger Grubenwasserhebung der Kategorie 1. Die Schachtstandorte mit zukünftiger Funktion als Sicherungsstandort der Kategorie 2 bieten einen einfachen Zugang zur Tiefe (Bild 3).

Fig. 3. Shaft locations with future function in the Ruhr Area. // Bild 3. Zukünftige Grubenwasserstandorte im Ruhrgebiet. Source/Quelle: RUB

An drei dieser Standorte entstehen im Zuge des Strukturwandels im Ruhrgebiet auf Konversionsflächen neue Energiebedarfe. In Bergkamen entsteht die Wasserstadt Aden auf der Industriefläche des ehemaligen Bergwerks Haus Aden. In Bochum entsteht ein neues Gewerbegebiet am ehemaligen Bergwerk Robert Müser und in Essen wird auf dem ehemaligen Kruppgürtel am Schacht Amalie das neue Wohnviertel ESSEN 51 errichtet.

6.1  Standort Haus Aden – aktive Grubenwasserhebung: Neunutzung

Fig. 4. Concept of water town Aden. // Bild 4. Konzept der Wasserstadt Aden. Source/Quelle: RUB

Die aktive Grubenwasserhebung Haus Aden in Bergkamen im nördlichen Ruhrgebiet ist einer der sechs dauerhaft zu betreibenden Wasserhebungsstandorte. Ab dem Jahr 2023 werden etwa 24 m3/minGrubenwasser aus einer Tiefe von ca. 600 m mit einer Temperatur zwischen 25 und 29 °C kontinuierlich gefördert. Die umliegende Bergwerksfläche am Standort Haus Aden wird als Stadtquartier umfunktioniert (Bild 4). Die so entstehende neue Wasserstadt Aden steht als Sinnbild des Strukturwandels im Ruhrgebiet und in diesem Zusammenhang bietet die Grubenwasserwärme die Möglichkeit zur umweltfreundlichen Versorgung dieser städtebaulichen Entwicklung.

Im Pilotvorhaben „Versorgung eines Stadtquartiers mit Grubenwasserwärme“ wird ein neuartiges kaltes Nahwärmenetz priorisiert. Dieses 9 km lange Netz verbindet die Wärmeabnehmer mit der zentralen Wärmeauskopplung an der Grubenwasserhebungsstelle, wobei das hier eingespeiste Temperaturniveau zur direkten Beheizung der Abnehmer zu gering ist. Für die Beheizung der Neubauten nach KfW40-Standard mit einer Flächenheizung sind 35 °C notwendig. Daher werden Wärmepumpen eingesetzt, welche die Abnehmer bedarfsgerecht versorgen. Durch dieses Konzept könnte der Wärmebedarf der Neubauten bis zu 80 % aus der Grubenwasserwärme gedeckt werden. Im Pilotvorhaben wäre vor allem die Kombination aus Grubenwasserauskopplung, einem niedrigtemperierten Wärmenetz und individuellen Wärmepumpen beim Abnehmer neuartig und forschungswürdig. Letztendlich ist es das primäre Ziel, die Chance, eine ehemalige Bergbauinfrastruktur hin zu einer möglichst effizienten ökologischen Wärmenutzung zu realisieren.

6.2  Standort Robert Müser – aktive Grubenwasserhebung: Erweiterung der Wärmenutzung

Fig. 5. Possible extension of mine water use at Robert Müser site. // Bild 5. Mögliche Erweiterung der Grubenwassernutzung am Standort Robert Müser. Source/Quelle: RUB

Die Grubenwasserhebung am Standort Robert Müser in Bochum ist eine der sechs aktiven Wasserhebungsstationen im Ruhrgebiet (Bild 5). In diesem zentralen Teil des Ruhrgebiets werden schon seit dem Jahr 2012 durchschnittlich etwa 14 m3/min Grubenwasser aus einer Tiefe von ca. 600 m mit einer Temperatur von 18 bis 20 °C gehoben. Am Standort wurde bereits eine erste Nutzung von Grubenwasser realisiert. Das Grubenwasser wird durch bis zu drei Pumpen an die Oberfläche gefördert und in einem Wasserschloss gesammelt. Am Wasserschloss ist ein Wärmetauscher angeschlossen, der die Wärme an ein Wärmenetz überträgt. Dieses Netz führt zu zwei Schulen und einer Feuerwehrwache. Das Wasser mit einer Temperatur von 18 °C aus der Grube erreicht so die Anlagentechnik der jeweiligen Heizungsräume. Die Bestandsgebäude benötigen jedoch höhere Temperaturen von über 70 °C zur Beheizung. Durch die notwendige Anhebung der Temperatur ist eine Kombination unterschiedlicher Heizungstechniken notwendig. Die Stadtwerke Bochum GmbH betreibt hierfür einen Schichtspeicher, um u. a. einen Gaskessel, ein Blockheizkraftwerk sowie Gasabsorptions- und Kompressionswärmepumpen kombiniert zu betreiben. Durch dieses Konzept kann der Wärmebedarf der Bestandsgebäude nur zu einem begrenzten Teil aus der Grubenwasserwärme gedeckt werden.

Im Pilotvorhaben „Erweiterung der Grubenwassernutzung Robert Müser“ soll die bestehende Wärmeversorgung erweitert werden. Bislang werden erst 10 % der verfügbaren Leistung zur Beheizung bei Volllastbetrieb abgerufen. Es bietet sich an, den neu geplanten Gewerbepark Robert Müser auch an die Grubenwassernutzung anzuschließen, um somit die Bestandsgebäude um Neubauten zu erweitern. Der Gewerbepark würde durch ein kaltes Wärmenetz auch mit dem 18 °C warmen Wasser aus der Grube versorgt werden. Bei den geplanten gewerblichen Neubauten kann auf die kombinierte Heizungstechnik verzichtet werden und gleichzeitig der Anteil an Grubenwasserwärme erhöht werden. Durch die gewerbliche Nutzung, wie z. B. bei Lagerhallen oder Industriebetrieben, bietet sich auch die Möglichkeit an, die Grubenwärme mit 18 °C direkt, also ohne zusätzliche Heizungstechnik, zu nutzen. Dadurch könnte der Wärmebedarf zu annähernd 100 % aus Grubenwasserwärme gedeckt werden. Diese Option ist u. a. in Lagerhallen, Werkstätten und in der Produktion über Flächenheizungen umsetzbar. Für Büro- und Sozialräume ist wiederum der Einsatz einer Wärmepumpe notwendig.

Als besondere Herausforderung gilt es, an diesem Grubenwasserhebungsstandort die bestehende Pilotanlage zur Versorgung von Bestandsgebäuden durch eine noch effizienter arbeitende Infrastruktur zu erweitern. Die angeschlossenen Verbraucher sollen die Wärme von 18 °C direkt ohne Hilfsmittel oder nur in Verbindung mit einer Wärmepumpe nutzen.

6.3  Standort Amalie – Wärmeentzug aus der Tiefe über einen offenen Schacht

Amalie ist ein ehemaliger Bergwerksstandort, der sich zentrumsnah in Essen befindet. Er ist im Gegensatz zu den oben beschriebenen Pilotgebieten nicht für eine aktive Wasserhaltung nach dem Ende des Bergbaus vorgesehen. Er bietet lediglich Zugang zur Tiefe und wird als Sicherungsstandort betrieben, der bei Bedarf mit Wasserhebungspumpen ausgerüstet werden kann. Der Standort ist für eine Grubenwasserwärmenutzung vorgesehen, da auf dem umliegenden Zechengelände das Stadtquartier ESSEN 51 entsteht und die Grubenwasserwärme Teil eines innovativen, möglichst CO2-neutralen Energiekonzepts werden könnte (Bild 6). Die alleinige Versorgung durch Grubenwasserwärme wird nicht ausreichen, da der Wärmebedarf des neuen Stadtquartiers sehr hoch ist.

Fig. 6. ESSEN 51 concept. // Bild 6. ESSEN 51-Konzept. Source/Quelle: Thelen Gruppe

Im Pilotvorhaben „Integration von Grubenwasserwärme in Systeme mit mehreren Wärmequellen“ soll Grubenwasser als Erdwärmequelle in einer Tiefe von ca. 850 bis 1.000 m erschlossen werden. Der Schacht soll zwar von der Tagesoberfläche bis zum Niveau der 8. Sohle kohäsiv verfüllt werden, verfügt als Sicherungsstandort aber über Hüllrohre und ist somit für das Grubenwasser zugänglich. In den Schacht soll unterhalb der 8. Sohle ein Wärmetauscher oder Sondensystem bis auf das Niveau des Grubenwassers eingebracht werden. In einem geschlossenen Rohrsystem zirkuliert ein Trägermedium und fördert so die Wärme an die Oberfläche. Durch diese Lösung werden die technischen Anforderungen und die Kosten der Förderung der Wärme an die Oberfläche gering gehalten. Heute werden in ca. 1.000 m Tiefe zwei Volumenströme angenommen, deren Mischwasser eine Grubenwassertemperatur von rd. 26 °C aufweist. Für die Förderung der Wärme sind nur geringe Verluste zu erwarten. Da die Wärme ganzjährig zur Verfügung steht, kann die Grubenwassernutzung einen Teil der Grundlast für das städtebauliche Entwicklungsprojekt ESSEN 51 ganzjährig übernehmen. Dies sichert die Versorgung ab, wenn andere regenerative Energieformen nicht zur Verfügung stehen.

7 Ausblick

Es ist geplant, das Projekt in eine zweite Projektphase zu überführen. Ziel des Projekts „Grubenwasser-Ruhr (GW-Ruhr) II“ ist es, die in der ersten Projektphase erarbeiteten Konzepte in die Umsetzung zu überführen und diese wissenschaftlich zu begleiten. Investitionen und bauliche Maßnahmen werden für die Inbetriebnahme und den entsprechenden Betrieb getätigt. Mittels installierter Messtechnik soll eine optimale Arbeitsweise mit höchstmöglicher Effizienz eruiert werden. Zusätzlich soll in Phase II untersucht werden, ob weitere Maßnahmen auf der Wärmeabnehmerseite ergriffen werden können, um eine Steigerung des Gesamtwirkungsgrads zu erreichen.

Das in Phase I aufgebaute Akteursnetzwerk wird weiterbetrieben, um es zu verstetigen, verschiedene Verhaltensweisen zu analysieren und bei Bedarf im Verbund agieren zu können. Insbesondere sind Aspekte wie Kommunikation und Wissensaustausch auch in der zweiten Phase elementare Bausteine.

Die Ergebnisse der zweiten Projektphase sind ein funktionsfähiges Wärmeverbundsystem, welches ein Prozessmonitoring inkludiert. Die wissenschaftliche Begleitung baut darauf auf und führt zu positiven sowie innovativen Resultaten. Durch die aktive Umsetzung der erarbeiteten Konzepte werden Erkenntnisse gewonnen, die eine großflächige Erschließung der Energie des Grubenwassers ermöglichen. Alles soll in einem Ergebnis- und Erfahrungstransfer gebündelt werden, um auch eine internationale Übertragbarkeit der Projektergebnisse zu gewährleisten.

Das Projekt Grubenwasser-Ruhr wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) im 6. Energieforschungsprogramm der Bundesregierung gefördert.

Autoren: Tobias Reiners M. Sc., Prof. Dr.-Ing. Hermann-Josef Wagner, Dr.-Ing. Nils Penczek, Lisa Altieri M. Sc., Michael Gross M. Sc., Lehrstuhl Energiesysteme und Energiewirtschaft (LEE), Ruhr-Universität Bochum (RUB), Bochum 

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