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Die sieben Todsünden der deutschen Rohstoffpolitik

Die deutsche Rohstoffpolitik verfolgt eine langfristige Beeinflussung des Rohstoffsektors, von der Gewinnung bis zum Konsum von mineralischen Ressourcen, mit Hilfe von Strategiepapieren, Informationsdokumenten, Förderprogrammen, Regeln und Gesetzen. Aber die deutsche Rohstoffpolitik hat es seit Jahren und bis jetzt nicht geschafft, Strategien zu präsentieren und Erfolge vorzuweisen, die alle Stakeholder überzeugt. In diesem Beitrag werden die schwerwiegenden Fehler der deutschen Rohstoffpolitik aus Sicht der Bergbauwissenschaften aufgezeigt. Diese kritische Betrachtung soll Politikern die erschreckende Möglichkeit der Selbsterkenntnis erlauben und der Allgemeinheit bittere Wahrheiten aufzeigen.

Author/Autor: Univ.-Prof. PhD Bernd G. Lottermoser, Lehrstuhl für nachhaltige Rohstoffgewinnung, Institute of Mineral Resources Engineering (MRE), RWTH Aachen University (RWTH), Aachen/Germany

1  Einleitung: Die deutsche Rohstoffversorgung und Rohstoffpolitik

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Verwendung von Erdgas und Erdöl als politisch-gesellschaftliches Druckmittel zeigen auf dramatische Weise die Bedeutung von Rohstoffen sowohl für die Bewahrung einer friedlichen und wohlständigen Gesellschaft als auch für den Erhalt einer prosperierenden Wirtschaft. Das aktuelle Beispiel der Energieversorgung steht dabei exemplarisch für eine Vielzahl von Rohstoffen, die in unserem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben eine wesentliche Rolle spielen. Man denke etwa an Metalle, Seltene Erden, Sand und Kies, d. h. mineralische Rohstoffe, die für den Erhalt eines gewissen Lebensstandards gebraucht werden.

Die Versorgung Deutschlands mit mineralischen Rohstoffen beruht auf Importen von Bodenschätzen, dem heimischen Rohstoffabbau und Produkten der Kreislaufwirtschaft bei ausgesuchten Rohstoffen (1). Weltweit gesehen ist Deutschland rohstoffreich und ein wichtiges Bergbauland mit an die 2.700 Rohstoffbetrieben. Insbesondere werden Baurohstoffe (Sand und Kies, gebrochene Natursteine, Kalk- und Mergelsteine) sowie verschiedene Industrieminerale (vor allem Steinsalz, Kalisalze, und Quarzsand/-kies) aus heimischen Lagerstätten gewonnen. Zugleich ist Deutschland rohstoffarm, weil die Bedarfsdeckung bei den Metallen, einzelnen Industriemineralen und den Energierohstoffen sehr stark bzw. vollständig von Importen abhängig ist. Diese Importabhängigkeit verringert sich nur teilweise durch das Recycling von Metallrohstoffen. Jedoch reichen die Recyclingquoten noch lange nicht, die heimische Rohstoffgewinnung oder den Import von Rohstoffen zu ersetzen.

Diesen etablierten Dreiklang der Rohstoffversorgung kann auch eine Drei-Säulen-Strategie der gegenwärtigen deutschen Rohstoffpolitik nicht ändern, die eine Kreislaufwirtschaft, Diversifizierung von Rohstofflieferketten und Sicherstellung eines fairen und nachhaltigen Marktrahmens betont (2). Denn das Recycling kann und wird nicht entscheidend zur kurz- und mittelfristigen Rohstoffsicherung beitragen, und die Bedarfe müssen bei der derzeitigen Nachfrage auch in den nächsten Jahrzehnten hauptsächlich durch Rohstoffe aus heimischen und ausländischen Rohstoffbetrieben gedeckt werden (3). Somit befindet sich Deutschland jetzt und in absehbarer Zukunft in einer Rohstoffzange. Es ist rohstoffreich an Industriemineralen sowie Steine und Erden und rohstoffarm an Metallen und Energierohstoffen.

Der Rohstoffsektor wird von der Gewinnung bis zum Konsum von mineralischen Ressourcen durch die Rohstoffpolitik einer Regierung gelenkt. Der Begriff „Rohstoffpolitik“ oder „Ressourcenpolitik“ kann somit als die gezielte Beeinflussung des Rohstoffsektors durch die Politik definiert werden. Rohstoffpolitik wird üblicherweise von einer Rohstoffstrategie und den dazu gehörigen Strategiepapieren, Informationsdokumenten und Förderprogrammen begleitet, welche die langfristige Planung der Politik zur Erreichung der Ziele hervorhebt. Die politischen Ziele sollen über Regeln und Gesetze erreicht werden, die auf die Struktur und die Entwicklung des Rohstoffsektors vom Rohstoffabbau bis zum Konsum der mineralischen Ressourcen einwirken.

Der Weg zur einer Rohstoffpolitik mag mit vielen guten Vorsätzen beginnen. Die Irrungen und Verlockungen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Rohstoffpolitik sind jedoch vielseitig: Eine Lobby verlangt ökologische Ziele, eine andere verweist auf wirtschaftliche Notwendigkeiten und Sicherheiten und eine weitere fordert Pragmatismus statt Idealismus und Aktionismus. Alle Strategieversuche der vorherigen und jetzigen Bundesregierungen zu einer deutschen Rohstoffpolitik sind aufgrund ihrer Schwächen von unterschiedlichen Akteuren wiederholt und unterschiedlich kritisiert worden. Bei der jetzigen Rohstoffstrategie fehlen dem Verband Deutscher Metallhändler und Recycler Initiativen zu „überbordenden Berichtspflichten“ und „Entbürokratisierung“ (4). Der Vereinigung Rohstoffe und Bergbau (VRB) sind u. a. die realen Probleme der deutschen Bergwerksunternehmen nicht adressiert und es fehlen Maßnahmen zum Erhalt der heimischen Rohstoffgewinnung (5). Dagegen sieht das zivilgesellschaftliche Netzwerk AK Rohstoffe die Instrumente der Rohstoffstrategie als gescheitert an, auch weil „keine notwendigen Maßnahmen für effektiven Menschenrechts- und Umweltschutz im Bergbausektor getroffen wurden“ und „das Ziel, langfristig die Versorgungssicherheit zu erhöhen, wurde nicht erreicht“ (6). Wissenschaftler beurteilen die Maßnahmenpakete der deutschen Rohstoffstrategie als „strategic overload“, gefangen zwischen Pragmatismus und Überambition (7). Letztendlich hat die Politik es über Jahre nicht geschafft, Strategien zu präsentieren und Erfolge vorzuweisen, die alle Stakeholder überzeugt.

Eine der Hauptaufgaben der deutschen Rohstoffpolitik ist die Absicherung der deutschen Gesellschaft mit Rohstoffen. Politiker können viel falsch machen, auch in der Regelung der Angelegenheiten der Versorgung und Sicherheit Deutschlands mit Rohstoffen (Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem BDI-Rohstoffkongress am 8. März 2005 in Berlin: „Wir haben mit Russland einen überaus zuverlässigen und verantwortungsvollen Gaslieferanten … Für eine verlässliche und bezahlbare Rohstoffversorgung brauchen wir sichere und politisch stabile Lieferländer“) (8). Diese Fehleinschätzung eines Politikers und einer Regierung ist exemplarisch für viele Fehler der deutschen Rohstoffpolitik.

In diesem Artikel wird aufgezeigt, welche schwerwiegenden Fehler – „Todsünden“ – in der deutschen Rohstoffpolitik seit vielen Jahren gemacht wurden und immer noch gemacht werden. Die „sieben Todsünden“ der deutschen Rohstoffpolitik geben Zeugnis für die Auswüchse politischer Fehler und beschreiben Motive, Verhaltensweisen und Aktivitäten, welche die deutsche Rohstoffpolitik begleitet haben bzw. immer noch begleiten, aber zugleich als Vergehen moralisch beschämend sind (Tabelle 1). Für Politiker bietet die Konfrontation mit den „sieben Todsünden der deutschen Rohstoffpolitik“ tiefe Einsichten in die eigene Politikstrategie: Sie sollen eine erhellende und auch verstörende Möglichkeit der Selbsterkenntnis erlauben und der Allgemeinheit bittere Wahrheiten aufzeigen. Somit ist dieser Artikel eine kritische Bewertung der deutschen Rohstoffpolitik und ihrer Akteure aus Sicht der Bergbauwissenschaften.

Table 1. The seven deadly sins of German raw material politics from the perspective of the mining sciences. // Tabelle 1. Die sieben Todsünden der deutschen Rohstoffpolitik aus Sicht der Bergbauwissenschaften. Source/Quelle: Lottermoser

2  Die sieben Todsünden

2.1  Missgunst – Die Einstellung, anderen etwas nicht zubilligen zu wollen

Der Rohstoffsektor ist für die deutsche Gesellschaft bedeutend. Allein die deutsche Baustoff-Steine-Erden-Industrie leistet durch die Gewinnung und Verarbeitung von Steine-Erden-Erzeugnissen, insbesondere zu Baustoffen, einen relevanten Beitrag für die Wirtschaftsleistung und Beschäftigung des produzierenden Gewerbes. Für das Jahr 2020 errechnet sich eine direkte Bruttowertschöpfung in Höhe von rd. 11,1 Mrd. € durch die Herstellung von Steine-Erden-Erzeugnissen (9). Die Gesamtbeschäftigung der Baustoff-Steine-Erden-Branche bemisst sich auf rd. 178.800 Erwerbstätige, 6.200 kleine, mittlere und große Betriebe, sowie 37 Mrd. €/a Umsatz.

Eine Wertschätzung des deutschen Rohstoffsektors als bedeutender Faktor für eine florierende Wirtschaft, funktionierende Infrastruktur (Abbau für Aufbau) und verantwortungsvoller Landschafts-, Umwelt- und Naturschützer fehlt. Rohstoffbetriebe und Unternehmen haben bei vielen Teilen der deutschen Politik und Gesellschaft und vor allem bei bestimmten parteinahen Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen (NGO), Naturschützern und Umweltgruppen ein eher schlechtes Ansehen. Beispiele dafür sind auch in Berichten des Umweltbundesamts (UBA) und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) zu finden, wo in unterschiedlichen Abschnitten auf Umweltprobleme des deutschen Bergbaus verwiesen wird, z. B. (10, 11, 12). Dabei enthalten solche Berichte unbegründete Aussagen, wie z. B. die des UBA zur verantwortungsvollen Rohstoffversorgung Deutschlands (11): „Der aktive Bergbau in seinen vielfältigen Erscheinungsformen führt zu erheblichen Eingriffen in die Umwelt, insbesondere den Natur- und Wasserhaushalt“. Ein solches Statement wird dabei ohne quantitative Analysen, angemessene Methoden und wissenschaftliche Daten gemacht und entspricht auch nicht den wissenschaftlichen Tatsachen (13). Denn die unbequeme Wahrheit ist, dass der aktive Bergbau in Deutschland, belegt durch Daten des Statistischen Bundesamts, nur verhältnismäßig kleine Umweltbelastungen durch seinen Flächenbedarf, seine Abfallproduktion, Wasserentnahme sowie Feinstaub- und Treibhausgasemissionen verursacht (13).

Weiterhin wird der Bergbau in Berichten des UBA (10) und BMUV (12) als ein Verursacher des Biodiversitätsverlusts aufgeführt, obwohl es wissenschaftlich belegt ist, dass der Bergbau weltweit für weniger als 1 % des gesamten landnutzungsbedingten Biodiversitätsverlusts verantwortlich ist (14). Dagegen wird der vielfach größere Biodiversitätsverlust durch die politisch unbequemen Verursacher, z. B. (15), – die 15 Mio. freilaufenden und 2 Mio. verwilderten Hauskatzen in Deutschland – überhaupt nicht vom UBA oder BMUV erwähnt (10, 12). Und in der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 (12) werden Informationen eines UN-Berichts (16) vom BMUV so (un)geschickt zu einer irreführenden Aussage zusammengefasst, dass der Bergbau als bewusst erstgenannter Verursacher zu Unrecht besonders negativ erscheint: „Fast 90 % des Biodiversitätsverlusts können direkt oder indirekt auf die Entnahme und Verarbeitung von mineralischen und metallischen Rohstoffen, fossilen Brennstoffen und Biomasse zurückgeführt werden.“ Tatsache ist aber, dass der weitaus größte Biodiversitätsverlust durch die Biomasseproduktion der Landwirtschaft verursacht wird und sogar Haushalte für einen größeren Biodiversitätsverlust verantwortlich sind als der Bergbau (16). Die oben genannten UBA-Berichte und BMUV-Statements halten sich nicht an eine vollständige und präzise Darlegung von wissenschaftlichen Fakten und folgen somit nicht den Leitlinien einer guten wissenschaftlichen Praxis. Durch Veröffentlichung solcher Aussagen wird die deutsche Öffentlichkeit irregeführt.

Und im jüngsten Bericht von PowerShift (17), finanziert über das UBA und BMUV, finden sich pauschale Falschaussagen, die nicht den wissenschaftlichen Tatsachen entsprechen, wie z. B. „Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen durch Bergbau lassen sich auf allen Kontinenten finden“ (17). Selbst Schüler der Geographie sollten wissen, dass auf dem siebten Kontinent unserer Erde, der Antarktis, kein Bergbau stattfindet, denn internationale Verträge verbieten die Prospektion, Erschließung oder Gewinnung von Bodenschätzen. Aussagen im selben Bericht von PowerShift wie „der Bergbau zählt zu den gefährlichsten und risikoreichsten Industriesektoren, wenn man sich gegen ihn stellt“ unterstützen ein politisch angestrebtes „Feindbild“ und die „Verteufelung“ des Bergbaus.

Die politisch gewollte Berichterstattung besonders zu den Umweltbelastungen des Bergbaus erfüllt somit nicht das Prinzip einer rigoros objektiven und balancierten Darstellung von Fakten und Informationen. Die Umwelt-Bundespolitik lässt Berichte mit unwissenschaftlichen und subjektiven Aussagen zum Rohstoffsektor erarbeiten und präsentiert diese der deutschen Öffentlichkeit, z. B. (10, 11, 12, 17). Folglich gleichen diese politisch geförderten Aktivitäten einem journalistischen Sensationalismus, geben den Eindruck der Verbreitung von ideologisch getriebenen Meinungen, dienen offenbar der Betonung von ausgesuchten negativen Fakten und manipulieren mit unvollständigen, falschen oder falsch dargestellten Informationen (un)bewusst die öffentliche Meinung zum Bergbau. Seriosität, Objektivität und Kompetenz des UBA und BMUV werden so in Frage gestellt, wobei eine nicht-wissenschaftliche Berichterstattung des UBA dem wissenschaftlichen Anspruch einer Bundesbehörde nicht gerecht wird.

Für den Rohstoffsektor gilt also, dass politische und nicht-politische Akteure (un)bewusst die Strategie verfolgen, mit vagen, irreführenden, unwissenschaftlichen oder unbegründeten Angaben den Bergbau natur-, umwelt- und klimafeindlicher sowie gefährlicher und risikoreicher aussehen zu lassen, als er tatsächlich ist. Im besten Fall handelt es sich hier um Misinformationen, d. h. die Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen, im schlimmsten Fall um Desinformationen, d. h. die Verbreitung von „fake news“ oder absichtlich falschen oder irreführenden Informationen. Ersteres wäre beschämend für die Akteure, d. h. „denn sie wissen nicht, was sie tun…“. Letzteres wäre ein Verstoß gegen das neue Digitale-Dienste-Gesetz der Bundesregierung. Darüber hinaus wären vorsätzlich oder fahrlässig falsche Angaben in einem wissenschaftserheblichen Zusammenhang, auch im Rahmen der politischen Bildung, wissenschaftliches Fehlverhalten.

Die Umwelt-Bundespolitik, insbesondere das BMUV und UBA, sollte nicht weiterhin von sich überzeugt Informationsdokumente über Rohstoffe und den Bergbau erarbeiten lassen und hochglänzend der deutschen Gesellschaft präsentieren, wenn diese nicht auf wissenschaftlichen Fakten beruhen und objektiv informieren. Dem Bergbau seine Bedeutung abzuerkennen, Informationen zum Bergbau selektiv oder gar falsch darzustellen und eine Wertschätzung und Anerkennung seiner Errungenschaften nicht öffentlich zuzugeben, zeigt Missgunst gegenüber dem deutschen Bergbau und seinen Institutionen und Beschäftigten.

2.2  Genusssucht – Das zu große Verlangen und die Gier nach etwas

Die gegenwärtige Bundesregierung strebt eine ökologische Ausrichtung der heimischen Rohstoffgewinnung an (2, 3, 18). Es wird hier angenommen, dass mit einer ökologischen Ausrichtung des heimischen Bergbaus eine ökologische Industriepolitik gemäß der Definition des UBA gemeint ist, d. h. eine strategische Ausrichtung des industriepolitischen Instrumentariums auf die zentralen Herausforderungen Klimaschutz, globale Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit. Jedoch erfolgt die Rohstoffgewinnung in Deutschland sowie die Sanierung und Rekultivierung von deutschen Bergbauhinterlassenschaften schon seit langem auf höchstem internationalem Niveau, und deutsche Rohstoffunternehmen erhalten internationale Auszeichnungen für ihr Engagement, z. B. (19). Hier hat der deutsche Rohstoffsektor Einzel-Exzellenz-Beispiele von nationaler und internationaler Akzeptanz vorzuweisen. So hat der Europäische Gesteinsverband wiederholt in den letzten Jahren deutsche Bergwerksunternehmen mit Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnet, Baustoffunternehmen und Hüttenbetriebe haben den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhalten, das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) vergibt regelmäßig den Deutschen Rohstoffeffizienz-Preis auch an Bergwerksunternehmen und das Bundesamt für Naturschutz hat die Rekultivierung der RWE im Braunkohlentagebau für seine Biodiversität im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Auf solche Erfolge wird in Berichten des UBA und BMUV nicht hingewiesen, z. B. (10, 11, 12, 20). Bei der Beschreibung des deutschen Rohstoffsektors durch UBA und BMUV wird auch nicht berücksichtigt, dass sich der heimische Bergbau in der Kreislaufwirtschaft seit Jahren engagiert, zum einen durch Rohstoffeffizienz und einen „zero-waste“-Ansatz, zum anderen durch die Verwertung von Abfallstoffen für die Produktion von neuen umweltfreundlicheren Gütern, z. B. die Produktion von Forstdüngern, und der Deponierung von Abfallstoffen unter und über Tage. Der Wandel vom traditionellen Bergwerk zur modernen Wertstofffabrik auch mit eigener Energieversorgung aus erneuerbaren Energien hat an vielen Standorten schon vor Jahren stattgefunden.

Letztendlich ist das gezielte Verschweigen solcher Erfolge des Rohstoffsektors im Bereich der Ökologie und Nachhaltigkeit durch die Politik „greenhushing“. Greenhushing ist das Gegenteil von Greenwashing und ist das bewusste Verschweigen von Natur-, Umwelt- und Klimaschutzerfolgen von Unternehmen. Die Umwelt-Bundespolitik verschweigt in ihrem schieren Verlangen und ihrer Gier nach Klimaschutz die Natur-, Umwelt- und Klimaschutzerfolge deutscher Rohstoffbetriebe und stellt wissenschaftlich fundiertes Informationsmaterial der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung, das darlegt, wie international führend die heimische Rohstoffgewinnung im Natur-, Umwelt- und Klimaschutz bereits ist.

2.3  Hochmut – Die Stimmung, in der man seine Fähigkeiten oder Möglichkeiten überschätzt

Die fehlende Akzeptanz des Bergbaus und die Rohstoffpolitik unserer Bundesregierungen haben in den letzten Jahrzehnten zu politisch geförderten, in der Industrie etablierten und öffentlich akzeptierten Rohstoffabhängigkeiten von Ländern wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika geführt, den sogenannten BRICS-Staaten. So importiert Deutschland wichtige Industrierohstoffe aus den oben genannten Ländern, wobei die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) feststellen musste, dass erhöhte Lieferrisiken weiterhin bei fast der Hälfte aller Rohstoffprodukte bestehen (21). China ist weltweit der größte Lieferant von Industrierohstoffen und verhängte vor kurzem Ausfuhrkontrollen für Gallium und Germanium, die vor allem in der Halbleiterindustrie Verwendung finden. Darüber hinaus verfügen BRICS-Länder über einen Großteil der weltweiten Mengen an kritischen Rohstoffen, die auch wichtig für die politisch forcierte Energiewende sind, z. B. Nickel 26 %, Graphit 45 %, Vanadium 70 %, Seltene Erden 72 %, Platinmetalle 98 % (Bild 1). Dieselben Länder – Brasilien, Indien, China und Süd­afrika – sind in jüngster Zeit durch mögliche Waffenlieferungen an Russland und ihre Ablehnung oder Enthaltung bei Abstimmungen der UN zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aufgefallen. Konsequenterweise wies der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (VDI) Prof. Siegfried Russwurm jüngst darauf hin, „Rohstoffe werden gerade von Russland als Waffe eingesetzt … Deutschland ist erpressbar“ (22).

Fig. 1. Relative shares (%) of known global reserves for selected critical raw materials that occur in BRICS countries. B = Brazil, R = Russia, I = India, C = China, S = South Africa (24, 25, 26, 27, 28). // Bild 1. Relative Anteile (%) der bekannten weltweiten Reserven für ausgesuchte kritische Rohstoffe, die in BRICS-Staaten vorkommen. B = Brasilien, R = Russland, I = Indien, C = China, S = Südafrika (24, 25, 26, 27, 28).

Bergwerksunternehmen wie RioTinto haben ihre Verbindungen zu Russland nach der russischen Invasion in die Ukraine konsequenterweise abgebrochen. Deutschland ist dagegen immer noch gefangen in politisch gewollten Rohstoffabhängigkeiten mit Ländern außerhalb der deutschen und europäischen Grundsätze und Werte. Die deutsche Politik hat ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten hochmütig überschätzt und über viele Jahre schlichtweg das Ziel verfehlt, die deutsche Gemeinschaft mit Energie und Rohstoffen unabhängig von Staaten außerhalb unserer Wertegemeinschaft zu machen und für eine langfristige Rohstoffversorgung mit Ländern unserer Wertegemeinschaft zu sorgen.

Die Rohstoffsicherung der deutschen Gesellschaft wurde in der Vergangenheit exklusiv der Wirtschaft überlassen. Ungezügelter Rohstoffkonsum war für die deutsche Politik wichtiger als Rohstoffsicherheit. Die deutsche Politik hat das übertriebene Streben der deutschen Industrie und Gesellschaft unterstützt, Energie und Rohstoffe auf der ganzen Welt eigennützig einzukaufen und im Land zu verbrauchen. Über Jahrzehnte wurde Rohstoffsicherheit als Selbstverständlichkeit und Naturgesetz angesehen, und Rohstoffe wurden auf dem Weltmarkt groß eingekauft, treu nach dem Motto „man kann alles kaufen, auch Rohstoffe, egal woher“.

Deutschland hat zwar in der Vergangenheit Rohstoffpartnerschaften mit der Mongolei, Kasachstan, Chile und Peru abgeschlossen, die aber nicht zu einer deutschen Versorgungssicherheit beigetragen haben. Stattdessen hätte die deutsche Rohstoffpolitik in den letzten Jahrzehnten strategische Kooperationen mit ausgesuchten Werte-Partnerstaaten und Produzenten von kritischen Rohstoffen verfolgen, Allianzen der Rohstoffsicherung zwischen Wirtschaft und Politik etablieren und eine europäische Rohstoffpolitik voranbringen sollen. Dabei hätte die Politik unsere Versorgungssicherheit auf 50 Jahre mit Rohstoff-Diplomatie und Wertegemeinschaften planen müssen. In Zukunft wäre auch die Einführung einer neuen EU-Rohstoffagentur ein sinnvolles Instrument für die europäische Rohstoffsicherheit (23).

Andere Länder erreichen ihre Energie- und Rohstoffsicherheit durch staatseigene Betriebe, z. B. Codelco/Chile, Areva/Frankreich, LKAB/Schweden. In Deutschland sind größere deutsche Erzkonzerne seit dem Niedergang der Preussag und Metallgesellschaft nicht mehr vorhanden, aber die staatseigene Wismut GmbH könnte von einem Rekultivierungs- und Sanierungsbetrieb in ein größeres deutsches Bergbauunternehmen erneuert werden.

2.4  Habgier – Das übertriebene Streben, den eigenen Besitz ungezügelt und rücksichtslos zu vermehren

Deutschland ist ein Großverbraucher von mineralischen Rohstoffen und Energie, wobei der Verbrauch weit über dem globalen Durchschnitt liegt (20). Jetzt im Zuge der politisch gewollten Energiewende sollen in Deutschland pro Tag vier bis fünf Windräder gebaut, mehr als 40 Fußballfelder Photovoltaik (PV)-Anlagen angelegt, 1.600 Wärmepumpen installiert und 4 km Übertragungsnetze verlegt werden. Insgesamt sollen 24.000 neue Windräder bis zum Jahr 2030 installiert werden. Die Installation dieser neuen 24.000 Windkraftanlagen wird mehr Fläche (2 %) als deutsche Bergwerke (0,4 %) einnehmen und große Mengen an Rohstoffen verbrauchen (29). Allein die Fundamente dieser Windräder werden ca. 24 Mio. m3 Beton benötigen (ca. 1.000 m3 Beton = 170 Lkw-Betonladungen pro Windrad). Zur gleichen Zeit sind die Rotorblätter von Windrädern immer noch nicht recycelbar und müssen als Sondermüll verbrannt oder deponiert werden. Diese Ressourcenverschwendung bemängelte auch Peter Kurth, Präsident des Entsorgungswirtschaftsverbands (BDE): „Deutschland stellt seit Jahrzehnten Windanlagen auf die Felder, die nicht vernünftig verwertbar sind“ (30). Die 24.000 neuen Windkraftanlagen werden mit ihren Rotorblättern ca. 1,8 Mio. t Sondermüll erzeugen (drei Rotorblätter pro Windkraftanlage = 25 t). So wird in den nächsten Jahren eine neue Windenergieinfrastruktur mit 1,8 Mio. t Sondermüll geschaffen, die immer noch nicht Teil einer modernen Kreislaufwirtschaft ist. Hier begeht eine habgierige Umweltpolitik große Umweltsünden. Der Einsatz von mineralischen Ressourcen für die Energiewende verlangt ein Umdenken und gesetzliche Rahmenbedingungen, dass Ressourcen unabkömmlich sind für den Bau der Energieinfrastruktur, Rotorblätter oder Batterien und dass diese nach ihrer Nutzungszeit wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden.

Angesichts der Energiewende wird der Bedarf, Import und Verbrauch an metallischen und nichtmetallischen Mineralien in Deutschland in den nächsten Jahren deutlich steigen. Aber die Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen für die Energiewende wird sich nicht nur in Deutschland, sondern auch global vervielfachen. Allein die Nachfrage nach Lithium wird sich gemäß der Internationalen Energie Agentur (IEA) bis zum Jahr 2040 mehr als vervierzigfachen (31). Um den Batterierohstoffhunger aller Nationen zu erfüllen, werden Hunderte neuer Bergwerke weltweit gebraucht (32). Und die Frage ist, ob das Lagerstättenpotential dafür überhaupt gegeben ist, wobei Erkundung, Erschließung und Genehmigung zum Abbau von Lagerstätten länger dauern als eine Legislaturperiode des Bundestags.

Das Umrüsten auf E-Mobilität und die Produktion von batteriegetriebenen PKWs kann nur durch mineralische Rohstoffe erreicht werden, wobei ein E-PKW circa siebenmal so viel mineralische Rohstoffe benötigt wie ein Verbrenner (32). Trotzdem plant die Bundesregierung die Einführung von 15 Mio. Elektrofahrzeugen in Deutschland bis zum Jahr 2030. Unterschiedliche Autohersteller bauen Lithium-Ionen-Batterien (LIB) mit unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung und Rohstoffmenge ein. LIB sind die Ladeträger der Stunde und so wird die Herstellung der geplanten 15 Mio. Elektrofahrzeuge große Mengen an Batterierohstoffen verbrauchen wie Lithium, Kupfer, Mangan, Nickel, Graphit und Kobalt. Somit könnte Deutschland in den nächsten sieben Jahren allein für die Herstellung von kobalthaltigen Batterien so viel Kobalt verbrauchen (ca. 10 kg pro PKW = 150.000 t insgesamt), wie es in den letzten 70 Jahren importiert hat. Auch der Verbrauch von anderen Batterierohstoffen wie Nickel wird sich deutlich erhöhen müssen. Wobei zu beachten ist, dass die Hälfte des deutschen Nickelimports bis jetzt aus Russland stammt (33). Forschung und Entwicklung an Alternativen zu LIB-Batterien sind somit absolut notwendig, um den Ressourcenkonsum an Batterierohstoffen zu senken.

Die politisch gewollte Energiewende in Deutschland mit ihren Windkraftanlagen, Elektrofahrzeugen, PV-Anlagen und ihrer Energieinfrastruktur ist mit einem immensen Verbrauch an mineralischen Rohstoffen und einem Mehrbedarf an elektrischem Strom verbunden. Die Bundespolitik muss der deutschen Gesellschaft deutlich machen, dass die Energiewende von der Verfügbarkeit von mineralischen Rohstoffen abhängig ist, dass dies nur mit einer großen Menge an mineralischen Rohstoffen möglich ist und dass dazu neue Bergwerke dringend erforderlich sind. Dazu gehört möglicherweise auch die Errichtung neuer Bergwerke in Deutschland.

2.5  Selbstsucht – Das Führen eines ausschweifenden und maßlosen Lebens

Die deutsche Politik setzt eine Energiewende um, während dies den sozial Schwächeren unserer Gesellschaft und dem ärmeren Teil der Welt verwehrt ist. Denn eine Energiewende Made in Germany wird zurzeit nur für einen, den reichen Teil der Welt möglich sein. Viele, besonders ärmere Länder haben weder die Infrastruktur noch die finanziellen Mittel noch den politischen Willen, zu erneuerbaren Energieträgern zu wechseln.

Wegen des gewaltigen Ressourcenverbrauchs und der Ressourcenverschwendung, z. B. durch nicht recycelbare Windkraftanlagen, ist es nicht möglich, die Energiewende ressourcenschonend durchzuführen. Wissenschaftliche Tatsache ist, dass die Energiewende aufgrund ihres Ressourcenverbrauchs ressourcenintensiv ist (31, 32) und dass Deutschland auf viele Jahrzehnte weiterhin ein Großverbraucher an mineralischen Rohstoffen bleiben wird. Trotzdem lässt das UBA Studien erstellen, welche die politisch gewollte Energiewende als „ressourcenschonend“ bezeichnen (RESCUE – Wege in eine ressourcenschonende Treibhausgasneutralität) (34). Letztendlich ist die Darstellung der Energiewende als ressourcenschonend „greenwashing“. Greenwashing ist der bewusste Versuch von Organisationen, Unternehmen und gesellschaftlichen Gruppen einschließlich der Bundespolitik, Parteien und parteinahen Stiftungen durch Kommunikationen ein „grünes“ Image für sich selbst oder eine Sache zu erreichen, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt.

2.6  Faulheit – Die Unlust zu einer Tätigkeit, obwohl man in der Lage wäre, sie zu verrichten

Rohstoffsicherheit und Rohstoffversorgung verlangen umfangreiches Wissen und fachkundige Experten, welche die Rohstoffher­ausforderungen der Zukunft lösen. Aber es gibt kaum Institute und Professuren an deutschen Hochschulen, die sich speziell mit Rohstoffsicherheit, Rohstoffwirtschaft, Rohstoffhandel, Rohstoffpolitik, Rohstoffversorgung oder Rohstofflieferketten und der Ausbildung von Experten dafür beschäftigt. Tatsächlich wurden in den letzten Jahrzehnten Lehrstühle des Bergbaus und der Lagerstättenlehre an zahlreichen Universitäten und Hochschulen in Deutschland nicht wiederbesetzt. Mittlerweile gehören die Lagerstättenlehre und der Bergbau zu den sogenannten 163 kleinen Fächern, die als eigenständige wissenschaftliche Fächer eine geringe Anzahl an Professuren an deutschen Hochschulen aufweisen (www.kleinefaecher.de). Dabei haben aber viele geistes-, rechts-, wirtschafts-, sozial-, ingenieur- und naturwissenschaftliche Fächer, z. B. Ägyptologie, Afrikanistik, Altorientalistik, Gräzistik, Japanologie, Latinistik, Lateinamerikanistik, Paläontologie, Eisenbahnwesen, Schiffstechnik, Sportökonomie, wesentlich mehr Standorte und Professuren an deutschen Hochschulen als die Lagerstättenlehre oder der Bergbau (Lagerstättenlehre: 4,5 Professuren, sieben Standorte; Bergbau: 13 Professuren, vier Standorte) (Bild 2).

Fig. 2. Number of professorships for selected small subjects at German universities in 2023. // Bild 2. Anzahl der Professuren an deutschen Hochschulen im Jahr 2023 für ausgesuchte kleine Fächer. Source/Quelle: www.kleinefaecher.de

Offensichtlich fehlt es seit vielen Jahren an Ambitionen in der Bundes-, Landes- und Hochschulpolitik, sich für die Lehre und Forschung im Rohstoffsektor einzusetzen. Andere Wissenschaften erfahren von der Politik dagegen eine wesentlich deutlichere Unterstützung. Somit gab es im Sommersemester 2023 über 170 Professuren mit einer Voll- oder Teildenomination „Geschlechterforschung“ an deutschsprachigen Hochschulen (35). Das Bestreben der Politik ist eindeutig: Für die deutsche Bevölkerung ist ein Wissen in alten und neuen Sprachen und Kulturen wertvoller als Kenntnisse zu Rohstoffen. Und Genderwissen ist wesentlich wichtiger als Rohstoffwissen.

Im Gegensatz zur deutschen Politik wurde in den USA die Notwendigkeit, die Rohstoffwissenschaften und die eigene Ausbildung von Rohstoffexperten zu unterstützen und den Bergbau „gesellschaftsfähig“ zu machen, erkannt. So ist der Kongress der USA dabei, ein Gesetz zur langfristigen Stärkung der eigenen heimischen Hochschulausbildung von Bergbauexperten parteiübergreifend zu erarbeiten („Mining Schools Act of 2023“).

Die deutsche Politik hätte schon vor Jahren die wenigen Rohstoffinstitute deutscher Hochschulen in ihrer Lehre und Forschung stärken sollen, auch um den Fachkräftemangel im Rohstoffsektor zu lösen. Dabei wurde auch die Fachkunde in den Genehmigungsbehörden der Bundesländer vernachlässigt (36). Der Mangel an jungen Rohstoffexperten ist in einer Zeit noch bedeutsamer, wenn diese für die Energiewende benötigt werden. Gerade jetzt sind eine nationale Rohstoffbildungspolitik und ausreichend finanzierte Lehr- und Forschungsprogramme erforderlich, um dem Verlust an Expertise entgegenzuwirken, zukünftige Studierende zu gewinnen und Experten auszubilden, Fachkräfte für Regierungsbehörden bereitzustellen, Deutschlands globale Führung in der nachhaltigen Rohstoffgewinnung zu halten und die deutsche Gesellschaft mit Rohstoffen abzusichern. Eine deutsche Rohstoffbildungspolitik sollte auch Einrichtungen wie Museen, Schau- und Besucherbergwerke sowie Geoparks als Rohstoffbildungsstätten nutzen und diese modernisieren. Das Werkforum der Firma Holcim bei Dormettingen ist ein Beispiel, wie ein Rohstoffgewinnungsbetrieb mit einem international führenden Fossilmuseum sowie einem Kommunikations- und Informationszentrum in einem UNESCO-Geopark erfolgreich zur Rohstoffbildung beitragen kann.

Dabei müsste eine deutsche Rohstoffbildungspolitik eigentlich mit den Schullehrplänen beginnen, um Kindern ein frühes Bewusstsein für Energie und Rohstoffe zu geben. Die Ergebnisse einer Lehrplananalyse innerhalb Europas und Deutschlands zeigen (37), dass Bundesländer wie Sachsen und Bayern mehr erdwissenschaftliche Aspekte den Schülern präsentieren als Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, wodurch Kinder in den letztgenannten Bundesländern nur ein beschränktes Bewusstsein für Rohstoffe erlangen können. In den Lehrplänen der 27 Nationen der EU werden erdwissenschaftliche Inhalte und Rohstoffwissen besonders in Portugal, Spanien und Frankreich in schulischen Lehrplänen integriert. In einem solchen Ranking liegt Deutschland dagegen nur im unteren Feld und an 20. Stelle (37).

In Deutschland offenbart sich ein Mangel an politischer Willensstärke und zukunftsorientierter Bundespolitik, Bürger über Energie und Rohstoffe zu informieren und Rohstoffwissen in der deutschen Gemeinschaft zu fördern. Dies geschieht, obwohl der deutsche Bundesbürger den Zustand des deutschen Bildungswesens als wichtiger ansieht als den Umwelt- und Klimaschutz (38). Die deutsche Politik hat über Jahrzehnte eine große Unlust gezeigt, Deutschland mit Rohstoffwissen stark zu machen.

2.7  Zorn – Heftiger, leidenschaftlicher Unwille, weil etwas dem eigenen Willen zuwiderläuft

Im Koalitionsvertrag der gegenwärtigen Bundesregierung steht „Wir haben das Ziel der Senkung des primären Rohstoffverbrauchs“ (18). Gemäß UBA (20) können solche Ziele durch eine Abnahme der deutschen Bevölkerung von gegenwärtig 84,3 Mio. auf 79 Mio. sowie Materialeffizienz, nachhaltigen Konsum und persönliche Lebensstiländerungen erreicht werden, z. B. durch Verringerung der Wohnfläche pro Person um 10 %, Anzahl der PKWs in Städten auf ein Drittel, vermehrten Holzbau, energetische Sanierung von Privathäusern.

Erzwungene Lebensstiländerungen können die politisch gewollte Senkung des Energie- und Rohstoffkonsums erfüllen. Regeln und Vorschriften steuern so das Leben von Bürgern und ihren Umgang mit Energie und Rohstoffen und besänftigen Politiker, die entrüstet ihre Politik verfolgen wollen. Jedoch belasten Gebote und Verbote das Verhältnis zwischen Bürgern und Politikern sowie zwischen Politik und Wirtschaft gerade durch die Überbürokratisierung von komplexen behördlichen Abläufen. Denn eines darf man dabei nicht vergessen: Je mehr Gebote und Verbote, desto mehr hemmt man die Einsicht bei Menschen, dass Änderungen im Rohstoffverbrauch tatsächlich notwendig sind. So hat das neue Gebäudeenergiegesetz genau das Gegenteil bei den Bürgern erreicht. Die Nachfrage nach Wärmepumpen fällt und es gibt einen Run auf Öl- und Gasheizungen.

Dagegen wäre die Politik besser beraten gewesen, den öffentlichen Sektor vor langer Zeit in die Pflicht zu nehmen. Der öffentliche Sektor hätte als Pionier und Wegbereiter mit gutem Beispiel vorangehen und beispielhaft an öffentlichen Gebäuden und Infrastrukturen die Bürger objektiv informieren müssen, wie man mit Energie und Rohstoffen verantwortungsvoll umgehen kann.

3  Fazit: Deutschland in der Rohstoffzange

Deutschland befindet sich jetzt und in absehbarer Zukunft in einer Rohstoffzange. Es ist rohstoffreich an Industriemineralen sowie Steine und Erden und rohstoffarm an Metallen und Energierohstoffen. In dieser von der Natur bestimmten Lage strebt die gegenwärtige Politik zum einen eine Senkung des Rohstoffverbrauchs an, jedoch besteht zum anderen ein gewaltiger Mehrbedarf an Rohstoffen für eine ressourcenintensive Energiewende. Zeitgleich ist Deutschland in politisch gewollten Rohstoffabhängigkeiten mit Ländern außerhalb unserer Wertegemeinschaft konfrontiert. Somit befindet sich Deutschland in einer durch die Bundespolitik verstärkten Rohstoffzange.

Diese Zangenbewegung in eine ungewisse Zukunft der Rohstoffsicherheit wird durch die geringe Wertschätzung des heimischen Bergbaus und die fehlende politische Willensstärke, Deutschland mit Rohstoffwissen stark zu machen, noch drastischer. Die deutsche Bundespolitik tut sich offensichtlich schwer, eine Rohstoffpolitik mit realistischen Strategien und objektiven Informationsdokumenten im nationalen und internationalen Kontext zu platzieren und Erfolge vorzuweisen. Hier zeichnen sich besonders das UBA und das BMUV durch fehlende Seriosität, Objektivität und Kompetenz in der öffentlichen Berichterstattung zum Bergbau aus. Beide Institutionen erfüllen dabei nicht ihre Aufgaben als objektive Informationsquellen und die Bereitstellung von wissenschaftlichen Fakten zu Rohstoffen und deren Gewinnung.

Die bittere Wahrheit ist: Die deutsche Rohstoffpolitik hat seit Jahren keinen Grund stolz auf sich zu sein. Sie weist moralisch beschämende Motive, Verhaltensweisen und Aktivitäten auf. Sie ist auch ein Lehrstück für irrgeleitete politische Ambitionen, das Verschulden von Problemen und das Begehen von schwerwiegenden Fehlern („Todsünden“), welche die deutsche Gesellschaft zu tragen hat. Deutschland verdient eine bessere Rohstoffpolitik (Tabelle 2).

Table 2. Different approaches to a German raw materials policy from the perspective of the mining sciences. // Tabelle 2. Verschiedene Ansätze einer deutschen Rohstoffpolitik aus Sicht der Bergbauwissenschaften. Source/Quelle: Lottermoser

References / Quellenverzeichnis

References / Quellenverzeichnis

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Author/Autor: Univ.-Prof. PhD Bernd G. Lottermoser, Lehrstuhl für nachhaltige Rohstoffgewinnung, Institute of Mineral Resources Engineering (MRE), RWTH Aachen University (RWTH), Aachen/Germany
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