Rezension // Walter Frenz: Bürokratieabbau – Am Beispiel der Infrastruktur, des Klimaschutzes und der Rohstoffwirtschaft

Walter Frenz: Bürokratieabbau – Am Beispiel der Infrastruktur, des Klimaschutzes und der Rohstoffwirtschaft, 1. Auflage, Erscheinungsjahr: 2026, Seiten: 221, Erich Schmidt Verlag, Sprache: Deutsch, 978-3-503-24213-9 (E-ISBN), 978-3-503-24212-2 (Print-ISBN).
Universitätsprofessor Walter Frenz, der am Lehr- und Forschungsgebiet Berg-, Umwelt- und Europarecht der RWTH Aachen lehrt, hat mit „Bürokratieabbau“ sein neuestes Werk veröffentlicht, das sich einem politischen Reizwort mit juristischer Nüchternheit nähert – und gerade dadurch Wirkung entfaltet. Statt pauschaler Klagen über zu viel Staat zeigt Frenz präzise, wo Regelungsdichte in Deutschland zum Problem wird: bei Infrastruktur, Klimaschutz und Rohstoffwirtschaft. Anhand konkreter Beispiele – teils aus der Praxis der Energiewende – macht er deutlich, wie übermäßige Regulierung Projekte verzögert oder sogar ganz verhindert. Sein Befund ist klar: Der Staat muss Rahmenbedingungen schaffen, die effektives Handeln überhaupt erst ermöglichen. Bürokratieabbau erscheint bei ihm damit nicht nur als Effizienzfrage, sondern als Voraussetzung für die Wahrnehmung von Grundrechten und für das Funktionieren der Demokratie.
Die Stärke des Buches liegt in der Verbindung von verfassungsrechtlicher Schärfe und praktischer Anschauung. Frenz argumentiert, dass Bürokratieabbau nicht bloß ein politischer Wunsch, sondern unter bestimmten Voraussetzungen sogar verfassungsrechtlich geboten sein kann. Das ist ein anspruchsvoller, bewusst zugespitzter Gedanke – und genau er macht das Buch in der aktuellen Debatte so interessant. An konkreten Fällen zeigt der Autor, wie komplizierte Verfahren, zersplitterte Zuständigkeiten und langwierige Abwägungsprozesse staatliches Handeln lähmen.
Dabei belässt es Frenz nicht bei der Diagnose. Er schlägt feste Genehmigungsfristen, die Bündelung von Zuständigkeiten bei wenigen Behörden, vereinfachte Abwägungsverfahren sowie einen stärkeren Einsatz digitaler und KI-gestützter Prozesse vor. Das wirkt an vielen Stellen plausibel, reformorientiert und erstaunlich konkret. Gerade für Leser aus Verwaltung, Politik und Rechtswissenschaft liegt hier der besondere Wert des Buches: Es ist nicht nur Kritik, sondern ein klar formuliertes Reformprogramm.
Allerdings hat diese Klarheit auch erkennbare Grenzen. Frenz’ normativer Anspruch, Bürokratieabbau als verfassungsrechtlich geboten zu verstehen, ist zwar überzeugend hergeleitet, aber keineswegs alternativlos. Manche Leserinnen und Leser dürften sich hier eine breitere Auseinandersetzung mit konkurrierenden verfassungsrechtlichen Deutungen wünschen. Hinzu kommt eine begrenzte empirische Tiefe: Die Beispiele sind anschaulich und politisch aufschlussreich, doch das Buch ist kein empirisches Werk der Verwaltungsforschung. Es bleibt in seinem Kern juristisch-systematisch argumentiert.
Damit ist „Bürokratieabbau“ auch kein Essay für ein breites Publikum, sondern ein Fachbuch mit deutlicher juristischer Schlagseite. Ökonomische, politische oder soziologische Gegenperspektiven bleiben eher im Hintergrund. Auch die Risiken einer allzu weitreichenden Beschleunigung werden weniger intensiv verhandelt, als es die Brisanz des Themas vielleicht nahelegen würde.
Trotzdem ist Frenz ein wichtiges Buch gelungen: präzise, relevant und argumentativ streitbar. Wer die deutsche Debatte über Staat, Planung und Regulierung jenseits von Schlagworten verstehen will, findet hier eine fundierte und pointierte Stimme. Keine leichte Lektüre – aber eine, die sich in die Diskussion einmischt.
Dipl.-Ing. Karsten Gutberlet
Redaktion, Mining Report Gllückauf, Essen

